Zwischen roten Taxis und Taifun Nr. 8: Alleine zurück in Hongkong
Kaum hatten die Feiertage begonnen, buchte ich spontan ein Flugticket. Eine Solo-Reise nach Hongkong, mit dem festen Vorsatz, die Stadt ganz in meinem eigenen Tempo zu erkunden. Als ich am Flughafen ankam und mir einen Platz in der allerersten Reihe des Doppeldeckerbusses in Richtung Innenstadt sicherte, breitete sich draußen vor dem Fenster die nächtliche Metropole in ihrer ganzen Weite aus. So wie die gelben Cabs das Gesicht von New York prägen, wecken die roten Taxis auf den Straßen Hongkongs eine ganz eigene, analoge Nostalgie. Bei meiner Ankunft weit nach 23 Uhr lag die Stadt bereits in tiefer Stille. In dieser ersten, dunklen Nacht konnte ich zwar nicht mehr viel unternehmen, aber die kühle Nachtluft einzuatmen und dem leisen Atemzug einer fremden Metropole zu lauschen, war völlig ausreichend.

In den Straßen von Sheung Wan, wo meine Unterkunft lag, herrschte mitten in der Nacht eine fast andächtige Stille. Die Scheinwerfer eines roten Taxis, das gemächlich am historischen Gebäude des Western Market vorbeizog, warfen ein sanftes Licht auf den Gehweg. Ein am Straßenrand parkender grüner Minibus und die dahinter aufragenden, schier endlos hohen Wohn- und Geschäftshäuser bildeten eine Kulisse, die typischer für Hongkong kaum sein könnte. Ohne festes Ziel schlenderte ich durch die leeren Gassen und ließ das Nachbild der roten Taxis auf mich wirken.

Mit dem Blick auf die hohen Apartmenthäuser, in denen ein Fenster nach dem anderen dunkel wurde, ließ ich den Tag ausklingen. Es war faszinierend zu sehen, wie eine Straße, die tagsüber von Menschen und Autos nur so wimmelt, nachts in eine solche Ruhe eintaucht.


Als ich am nächsten Morgen aufwachte, machte sich sofort ein heftiger Hunger bemerkbar. Kein Wunder, schließlich war das Flugzeugessen am Vorabend meine letzte Mahlzeit gewesen. Ich folgte den regennassen Gehwegplatten auf der Suche nach einem Frühstückslokal. Als ich auf das nahe gelegene und gut bewertete Lokal „Yong Bang Xiao Wei“ stieß, ging ich ohne Zögern hinein. Hinter der Glasscheibe hingen appetitlich gebratene Enten und Schweinefleischstücke, die mir sofort das Wasser im Mund zusammenlaufen ließen.


Ich nahm Platz und bestellte eine Barbecue-Reisschale mit Ente und Schweinefleisch sowie eine eiskalte Coca-Cola. Kurz darauf wurde ein Teller serviert, auf dem knusprig gebratenes Fleisch mit einer fantastischen Kruste üppig auf weißem Reis gebettet war. Schon beim ersten Bissen knackte die Kruste herrlich, während das Fleisch innen saftig und zart blieb. Mit ein paar Spritzern der säuerlich-scharfen Spezialsauce vom Tisch schmeckte das Ganze noch intensiver. Es war das perfekte, rundum gelungene Frühstück.

Erinnerungen in den Gassen und ein ungebetener Wind
Frisch gestärkt machte ich mich langsam auf den Weg in Richtung Central. Als ich vor der langen Treppe des Kulturkomplexes Tai Kwun mit seinen roten Backsteinen und Säulen im Kolonialstil stand, wurden plötzlich alte Erinnerungen wach. „Bei meiner ersten Hongkong-Reise hat mich meine Freundin hier auf dieser Treppe so schön fotografiert.“ Damals gab es auch noch einen jüngeren Kumpel, mit dem ich nächtelang das pulsierende Nachtleben von Lan Kwai Fong unsicher gemacht hatte. Die Jahre vergingen, die Freunde von damals haben geheiratet, Kinder bekommen, und nur ich stand immer noch alleine hier. Ein seltsames Gefühl überkam mich, und doch hatte die Freiheit, die mir diese Einsamkeit schenkte, ihren ganz eigenen Reiz.

Beim Spaziergang entlang der Mid-Level-Escalator in Soho und der Hollywood Road zog das lebendige Treiben der Straßen mich in seinen Bann. Vor dem Bakehouse standen die Menschen mit gelben und roten Regenschirmen Schlange, angelockt vom Duft frischer Backwaren, während ab und zu ein rotes Taxi vorbeizog. Ich genoss dieses typische Stück Hongkonger Alltag und schlenderte weiter durch die Gassen, während der Regen langsam stärker wurde.

An den Hängen von Soho reihten sich kleine, charmante Läden und bunte Street-Art-Wände aneinander. Die Außenwand der Brooklyn Bar, die komplett mit bunten Graffitis verziert war, und die stilvollen Boutiquen brachten die Passanten immer wieder zum Verweilen. Das nasse Pflaster spiegelte die Farben der Wandbilder wider und schuf eine fast malerische Atmosphäre.



Die stillstehende Stadt: Ruhe finden in Mongkok
Gegen Mittag steuerte ich das Einkaufszentrum „THE FOREST“ in Mongkok an, da ich dort ein bestimmtes Paar Schuhe kaufen wollte. Ich hatte gehofft, im dortigen Salomon-Store fündig zu werden, da die Modelle in Korea damals extrem schwer zu bekommen waren. Doch als ich den Eingang erreichte, bot sich mir ein seltsames Bild: Die Rolltreppen im Außenbereich wurden gestoppt und die Geschäfte zogen eilig ihre Rollläden herunter.

Auf einem Hinweisschild am Eingang stand in deutlichen Buchstaben: „Typhoon Signal No. 8 is Hoisted“. Das bedeutete, dass die Taifun-Warnstufe 8 ausgerufen worden war – die zweithöchste Stufe vor der Katastrophenwarnung. In Hongkong bedeutet Warnstufe 8, dass der öffentliche Nahverkehr komplett eingestellt wird und alle Geschäfte sofort schließen müssen. Weder Busse noch Taxis dürfen fahren, und selbst die Rolltreppen stehen still. Über diese völlig unerwartete Situation musste ich unwillkürlich schmunzeln.

Als ich wieder auf die Straße trat, war die sonst so überlaufene Portland Street in Mongkok wie leergefegt. Inmitten dieser plötzlichen Stille, ohne Menschen und ohne Motorenlärm, ragten die pastellfarbenen Hochhauskomplexe friedlich in den Himmel. Die gewünschten Schuhe habe ich zwar nicht bekommen, aber dank des Taifuns durfte ich ein Hongkong erleben, wie es wohl nur die wenigsten je zu Gesicht bekommen: eingehüllt in absolute Stille. Genau diese unvorhersehbaren Wendungen flexibel anzunehmen, macht für mich den wahren Reiz des Alleinreisens aus. Und so ging ich gelassen weiter durch die menschenleeren Straßen.

