Wenn selbst die beleuchtete Fassade eines fremden Gebäudes so schön ist
Shanghai im November ist weder kalt noch heiß, sondern hat genau das kühle Frühherbstwetter wie in Korea. Der Himmel war seit dem Nachmittag von leichtem Nebel und tiefen Wolken bedeckt, aber die Temperatur war perfekt zum Spazierengehen. Als ich nach 16:00 Uhr am Yu-Garten ankam, war der Einlass leider schon geschlossen, sodass ich den eigentlichen Garten nicht von innen sehen konnte. Es reichte jedoch völlig aus, um den Yu-Yuan-Basar herumzuspazieren, wo die traditionelle Architektur aus der Ming- und Qing-Dynastie vollständig erhalten geblieben ist, um ganz in die Atmosphäre einzutauchen.


Ich machte mich auf den Weg zur berühmten Brücke der neun Windungen (Jiuqu-Brücke). Der Name kommt von ihren neun Biegungen, und der Legende nach bauten die Menschen sie so, weil Geister nur geradeaus gehen können und die Brücke somit nicht überqueren können. Als ich mich an das Geländer lehnte, kam mir plötzlich der skurrile Gedanke: „Geister schweben doch sowieso in der Luft, hält sie eine neunmal gebogene Brücke wirklich auf?“ und ich musste unwillkürlich schmunzeln. Nach etwa hundert Versuchen hatte ich endlich ein Foto, das mir gefiel, und blickte auf das sich schlängelnde Wasser hinab.

Moderne Geschäfte dieses Jahrhunderts unter goldenem Glanz und rotem Licht
Nach 17:00 Uhr brach die Dunkelheit wie im Flug herein, und kurz darauf erstrahlten alle Gebäude rund um den Yu-Garten auf einmal in prachtvollem Licht. Als das goldene Licht unter den jahrhundertealten, klassischen Ziegeldächern anging, änderte sich die Atmosphäre schlagartig um 180 Grad. Das Interessante ist, dass sich im ersten Stock dieser alten Gebäude im traditionellen Stil namhafte moderne Franchise-Ketten wie Shake Shack, Godiva und Heytea präsentieren. Es fühlte sich seltsam vertraut an, fast wie die moderne Neuinterpretation von Insa-dong oder dem Hanok-Dorf Bukchon in Seoul.


Als ich tiefer in die Gassen vordrang, in denen sich rotes und goldenes Licht kreuzten, eröffnete sich mir ein blendend schöner Anblick. Der nächtliche Yu-Garten aus nächster Nähe war so überwältigend schön, dass ich meinen Blick nicht abwenden konnte. Wer hätte sich wohl vorstellen können, dass der Außenbereich dieses riesigen privaten Gartens, den ein Beamter der Ming-Dynastie über 20 Jahre hinweg für den komfortablen Ruhestand seiner Eltern anlegte, einmal so prachtvoll erstrahlen würde? Die Energie aus der Kombination von traditioneller Schönheit und moderner Lichttechnik erfüllte die nächtlichen Straßen.


Ich ging wieder zum Teich und blickte still ins Wasser hinab. Unter der ruhigen Wasseroberfläche schwammen riesige, armdicke Kois und geräuschlos gleitende Schildkröten gemächlich umher. Der Kontrast zwischen dem Teich, der im Schein der Lichter bläulich schimmerte, und den umliegenden alten Gebäuden erzeugte eine geheimnisvolle Stimmung.

Bevor ich den Yu-Garten verließ, holte ich mir etwas bei Chagee, einer Teemarke, die in China extrem beliebt ist und kürzlich auch erste Filialen in Korea eröffnet hat. Mit einem Becher Milchtee in der eleganten, schweren Verpackung in der Hand nahm ich einen warmen Schluck, und das reine Teearoma entfaltete sich im Mund. Mit dem Milchtee in der Hand machte ich mich auf den Weg zu meinem nächsten Ziel, dem Bund.

Die Wolkenkratzer jenseits des Huangpu-Flusses und die Steinpaläste des Bundes
Kurz nach 18:00 Uhr erreichte ich die Uferpromenade des Bundes (Waitan) am Huangpu-Fluss. Das Wetter in Shanghai war immer noch neblig, aber der Wind vom Fluss her war angenehm kühl. Der Oriental Pearl Tower und die modernen Wolkenkratzer, die im Zentrum des neuen Stadtteils Pudong auf der anderen Flussseite emporragen, waren leicht in Wolken und Nebel gehüllt und strahlten einen geheimnisvollen Glanz aus.

Während ich die Aussicht auf Pudong genoss, leuchtete auf einer großen Plakatwand die Aufschrift „I ❤️ SH“ hell auf. Als ich das sah, musste ich schmunzeln und dachte: „Wenn man jemanden mit den Initialen SH hierherbringt, könnte man einen sehr günstigen und effektvollen Heiratsantrag machen, oder? Man sagt einfach: Ich habe das für dich in ganz Shanghai vorbereitet!“ Wie es wohl Seungho-Oppa heute wohl geht...


Die Beleuchtung am Bund geht meistens ab 18:00 Uhr an und brennt bis spät in die Nacht. Man kann die Gebäude nicht betreten, das Sightseeing besteht also buchstäblich darin, „die beleuchteten Außenwände fremder Gebäude zu bewundern“. Ich war zwar noch nie in Europa, aber ich dachte mir, dass sich die Nachtansicht von Budapest wohl ähnlich anfühlen muss. Und siehe da, mein Bruder, der den ganzen Urlaub über kein anständiges Foto hinbekommen hatte, verstand plötzlich, wie man die Kamera hält, setzte sie flach auf den Boden auf und fotografierte mich so, dass meine Beine auf dem Ganzkörperbild super lang wirkten. Er hatte meine Anweisungen endlich verstanden, was mich sehr glücklich machte.

Die monumentalen Steingebäude entlang der Uferpromenade des Bundes sind ehemalige Geschäftsbanken und Regierungsgebäude aus der Zeit der ausländischen Konzessionen. Als die vertikalen goldenen Lichter die ehrwürdigen neoklassizistischen Steinfassaden erhellten, entstand die Illusion, man befinde sich in einer europäischen Stadt des späten 19. oder frühen 20. Jahrhunderts. Dafür, dass man keinen Cent bezahlt und die herrlichen Fassaden eines anderen Landes völlig kostenlos bewundern darf, gibt es kaum einen größeren Luxus.

Am Ende der Promenade fiel mir in der Ferne eine Lichtkonstruktion auf dem Dach eines Gebäudes auf, die wie eine Krone aussah. Ich holte mein kleines Bären-Maskottchen aus der Tasche, setzte es auf meinen Finger und richtete die Kamera so aus, dass die Krone genau auf dem Kopf des Bären zu sitzen schien. Im Stillen zitierte ich das berühmte Sprichwort: „Wer die Krone tragen will, muss auch ihr Gewicht ertragen!“ und drückte ab. Es war zwar eine neblige und etwas fröstelige Nacht in Shanghai, aber dank der schillernden Lichter an jeder Ecke wurde es ein unvergesslicher, vergnüglicher Abendspaziergang.

Die Nacht am Bund bestand letztlich darin, die beleuchteten Fassaden fremder Gebäude zu bewundern, aber dieser Schönheit konnte man sich einfach nicht entziehen.
