Die Streifzüge eines Stubenhockers-Nomaden im sonnenüberfluteten Arboretum
Ich hatte der Welt stolz verkündet, dass ich fortan als digitaler Nomade leben würde, doch als ich mich eines Tages umblickte, saß ich, anstatt die Welt zu erkunden, nur ununterbrochen auf meinem Stuhl in der Zimmerecke fest und arbeitete. Es war Wochenende und wir befanden uns mitten in der Urlaubszeit. Ich wollte mich nicht unter die Menschenmassen an den Urlaubsorten mischen, aber nur in meiner Zimmerecke zu hocken, kam mir auch unfair vor. An einem Tag, an dem eine Hitzewarnung mit Temperaturen von über 30 °C ausgerufen wurde, dachte ich mir, dass wohl kaum jemand in ein abgelegenes Berg-Arboretum in Yeongwol oder Bonghwa fahren würde. Auf der Suche nach dem wohl unbeliebtesten Ort wählte ich das Nationale Baekdudaegan-Arboretum als mein Ziel aus. Ich begann meine Reise damit, mein treues Auto, das mich über die kurvigen, geebneten Bergstraßen tragen sollte, erst einmal ordentlich aufzutanken.

Als ich Seoul hinter mir ließ und die Grenze zur Provinz Gyeonggi-do überquerte, bekam ich auf meiner einsamen Fahrt unerwarteten Besuch. Eine grüne Heuschrecke war von irgendwoher herangeflogen und hatte sich klammheimlich als blinder Passagier auf meiner Motorhaube niedergelassen. Wie sie sich trotz des Fahrtwinds mit ihren stacheligen Beinen flach an die Karosserie presste und durchhielt, sah ziemlich entschlossen aus. Da sie aber wohl schnell merkte, dass ich ein eher langweiliger Fahrer war, wechselte sie schon bald auf die Stoßstange des vor mir fahrenden Autos. Nach dieser kurzen Begegnung mit dem kleinen grünen Freund auf der Straße trat ich wieder aufs Gaspedal.

Nach einer mehr als dreistündigen Fahrt von Seoul über kurvige Straßen kam ich endlich am Nationalen Baekdudaegan-Arboretum in Bonghwa, Gyeongsangbuk-do, an. Als ich an den Fahrkartenschalter trat und rief: „Ein Erwachsener, bitte“, fragte mich die Ticketverkäuferin mit skeptischem Blick noch einmal: „Nur eine Person?“ Beim Blick in die Runde sah ich nur Familien oder Paare – in dieser extremen Hitze schien ich der Einzige zu sein, der hier alleine hergekommen war. Ich bezahlte die 5.000 Won Eintritt und bekam einen regionalen Gutschein im Wert von 2.000 Won zurück, den man im Landkreis Bonghwa wie Bargeld verwenden kann. Effektiv durfte ich dieses riesige nationale Arboretum also für 3.000 Won betreten, was mir schon zu Beginn ein richtig gutes Gefühl gab.



Nachdem ich den schattigen Gabionen-Tunnel am Eingang passiert hatte und den eigentlichen Außenbereich des Gartens betrat, umgab mich die so sehr ersehnte, tiefgrüne und üppige Natur. Mitten im Hochsommer konnte man zwar kein so prachtvolles Blütenmeer wie im Frühling erwarten, aber selbst unter der brennenden Sonne fielen mir Sommerblumen auf, die trotzig ihre Farben zeigten. Als Erstes begrüßte mich die Echinacea (Purpur-Sonnenhut) mit ihren markanten, stacheligen, igelartigen Blütenköpfen. Ihre zartgelben Blütenblätter hingen leicht nach unten, während sie an festen Stängeln gen Himmel ragten. Es ist eine widerstandsfähige Korbblütlerin, die auch als Heilpflanze zur Stärkung des Immunsystems bekannt ist. Direkt daneben blühte eine Rose, die mit ihrem besonders leuchtenden und kräftigen Rot alle Blicke auf sich zog. Als ich nach dem Namen der Sorte suchte, entdeckte ich den klangvollen Namen „Superstar-Rose“. Wie sie mitten in der Sommerhitze unbeeindruckt ihre dicht gefüllten roten Blütenblätter entfaltete, machte ihrem Namen wirklich alle Ehre. Als ich ein Stück weiterging, ragte zwischen dem Gras eine einzigartige Blume mit orangefarbener Basis und dunkelroten Punkten empor. Es war eine Belamcanda chinensis, im Volksmund auch „Leopardenblume“ genannt. Ihre Blätter erinnern an einen Fächer, und die Flecken auf den Blütenblättern ähneln dem Fell eines Leoparden (oder Tigers), was hervorragend zur Atmosphäre des Baekdudaegan-Arboretums passte, das für seinen Tigerwald bekannt ist. Ein Besuch im farbenfrohen Frühling wäre sicherlich noch prächtiger, aber die Lebenskraft dieser vereinzelt blühenden Sommer-Wildblumen hatte ihren ganz eigenen, tiefen Charme.



Nachdem ich mir die Blumen angesehen hatte, machte ich mich auf den Weg nach oben zum Tigerwald. In der Ferne fuhr eine gelbe Bahn in niedlicher Tiger-Optik die Straße entlang. Mein ursprünglicher Plan war es, gemütlich bis zur Spitze des Arboretums hinaufzuwandern und für den Rückweg entspannt diese Tiger-Bahn zu nehmen. Doch schon bald wurde mir klar, dass dies eine absolute Fehlentscheidung war. Das gesamte Arboretum erstreckt sich nämlich als Steigung entlang eines sanften Berges. Den Aufstieg zu Fuß zu bewältigen und für den Abstieg die Bahn zu nehmen, bedeutete, die Reihenfolge völlig falsch geplant zu haben. Richtig wäre es gewesen, mit der Bahn nach oben zu fahren und dann gemütlich durch den kühlen Wald hinabzuspazieren.

Da ich aber nun schon einmal unterwegs war, gab es kein Zurück. Ich verlangsamte einfach meinen Schritt. Obwohl mir der Schweiß unter der prallen Sonne auf die Stirn trat, schoben sich immer wieder Schäfchenwolken vor die Sonne und spendeten kurzen Trost, während die dichten Baumkronen über mir ein schützendes Schattendach bildeten. Immer wenn ich müde wurde, wehte eine kühle Brise aus den Bergtälern herbei und kühlte meinen erhitzten Körper ab. Ohne auf andere achten zu müssen und ganz in meinem eigenen Atem- und Gehtempo zu wandern, vertrieb endlich all die Beklemmung, die sich beim ständigen Starren auf den Bildschirm in meiner Zimmerecke angestaut hatte. Ohne auf die Zeit zu achten und ganz im eigenen Rhythmus zu gehen – das ist wirklich Erholung pur.

Nachdem ich eine ganze Weile den Hügel hinaufgewandert war, erschien vor mir ein wunderschöner Teich, auf dessen spiegelglatter Oberfläche sich der blaue Himmel und die weißen Wolken wie auf einem Gemälde abzeichneten. Er trug den passenden Namen „Spiegelteich“. Als ich sah, wie sich die Wasserpflanzen und der Himmel im klaren Wasser spiegelten, musste ich unwillkürlich an Narziss aus der Mythologie denken. Fast wäre ich wie Narziss, der sich in sein eigenes Spiegelbild verliebte, von dieser Kulisse verzaubert worden. Doch zum Glück zeigte mir das Wasser nur das schweißnasse, erschöpfte Gesicht eines müden Reisenden, was mich schnell in die Realität zurückholte. Ich ging am Teich vorbei und folgte dem Schild zum „Alpinen Haus“ auf dem Gipfel. Da dort Hochgebirgspflanzen ausgestellt werden, hatte ich insgeheim auf ein kühl klimatisiertes Gewächshaus gehofft. Doch weit gefehlt: Es handelte sich um ein ungekühltes Glasgewächshaus unter einem Foliendach, das die natürlichen Bedingungen der Hochgebirgsregionen nachbildete. Drinnen war es gefühlt noch heißer als draußen in der Sonne, sodass ich nur schnell den Blick auf die Anlage warf und zügig weiterging. Schließlich rückte die Zeit für die Öffnung des Tigergeheges immer näher.


Das absolute Highlight des Baekdudaegan-Arboretums sind zweifellos die Sibirischen Tiger, die in einem weitläufigen Freigehege leben. Man hatte mich jedoch darauf hingewiesen, dass die Tiger wegen der extremen Sommerhitze oft im Stall blieben und die Besichtigungszeiten daher verkürzt seien. Da die Tiere sich wohl selbst dann nicht aus dem Stall locken ließen, wenn die Pfleger reichlich Futter bereitstellten, hatte ich keine großen Erwartungen. Doch als ich am Gehege ankam, wartete ein unglaubliches Glück auf mich. Wie sich herausstellte, war heute der „Internationale Tag des Tigers“, der nur einmal im Jahr gefeiert wird, und gleichzeitig der Geburtstag der hiesigen Tiger! Ein Tier, das sich sonst vor Hitze wohl kaum gezeigt hätte, war majestätisch auf ein Holzpodest herausgekommen, um einen farbenfrohen Geburtstagskuchen aus Eis zu fressen, den die Pfleger liebevoll zubereitet hatten. Seine imposante Gestalt und der scharfe Blick durch das Gitter hindurch waren so beeindruckend, dass ich eine Gänsehaut bekam. All die Mühen des schweißtreibenden Aufstiegs in der drückenden Hitze waren in diesem einen Moment augenblicklich vergessen.

Nach der Besichtigung kehrte ich im Café des Arboretums ein, um meinen Durst zu stillen und mich auszuruhen. Die ungewöhnliche Farbe des Getränks machte mich neugierig, doch als ich es serviert bekam, konnte ich mir ein Schmunzeln nicht verkneifen. Es war eine skurrile Kombination aus gelber Mountain-Dew-Limonade, die mit einem Espresso-Shot getoppt war. Welcher kreative Kopf kam bitteschön auf die Idee, Kaffee in Mountain Dew zu gießen? Schon nach dem ersten Schluck mischten sich prickelnde Kohlensäure und bitterer Kaffee zu einem so seltsamen Geschmack, als hätte jemand Zigarettenasche in die Limonade gestreut. Zum Glück war der dazu bestellte, zähe Butter-Reiskuchen (Butter-Tteok) cremig und süß, was den skurrilen Geschmack des Getränks ein wenig abmilderte.

Nachdem ich das Arboretum verlassen hatte, wollte ich eigentlich in der Innenstadt von Bonghwa etwas Besonderes essen, fand jedoch kein passendes Restaurant für lokale Spezialitäten und machte mich schließlich auf den Rückweg über die Autobahn. Aber auch das Essen an einer Raststätte gehört doch zu den Highlights einer Reise, oder nicht? Gegen 19:30 Uhr, als es bereits zu dämmern begann, hielt ich an der Raststätte Gyeonggi-Gwangju. Ich suchte mir einen Platz im koreanischen Restaurant und bestellte ein kochend heißes Sundubu-jjigae (Tofu-Eintopf) und ein Jeyuk-bokkeum (scharfer Schweinefleisch-Eintopf im Tontopf). Als ich die sauber in Messingschalen angerichteten Beilagen sah und den ersten Löffel der brodelnden, scharfen Tofubrühe probierte, schien die Müdigkeit des ganzen Tages einfach von mir abzufallen. Nach einer langen Fahrt und dem Marsch in der Sommerhitze war diese herzhafte Mahlzeit an der Raststätte der perfekte Abschluss.


Ein Ausbruch aus dem Alltag, in dem ich nur in meiner Zimmerecke lag und arbeitete, hin zu einem spontanen Ausflug in das sommerliche Arboretum von Bonghwa. Der Schweiß auf den steilen Wegen, die skurrile Erinnerung an ein Getränk mit Aschegeschmack und die unvergessliche Begegnung mit dem Geburtstagstiger – gerade weil nicht alles nach Plan lief, wurde es ein umso spannenderer Tag. Auch wenn ich nun wieder in meinen Alltag zurückkehre und auf meinem Stuhl in der Zimmerecke sitze, werden die grünen Landschaften und die unbändige Lebenskraft der Wildblumen, denen ich am Wegesrand begegnet bin, mein Herz noch lange Zeit erwärmen.